Türkei: Edelspitz und Pudels Kern

Auch wenn wir im kollektiven Erinnerungsschatz kein Wembleytor horten und keine Hand Gottes je einem rotweißroten Stürmer zur Seite stand, so ist zumindest eines für immer und ewig in unserem kollektiven Fußballgedächtnis verwurzelt: der „Edelspitz von Izmir“!
Zur Zeit stehen auf verschiedensten Ebenen Begegnungen mit der Türkei an, ein Freundschaftsspiel kann man zumindest heute auf dem grünen Rasen erwarten. Erinnern wir uns zur Vorbereitung auf dieses nochmals zurück: Ende Oktober 1977 war es, die Qualifikation für die WM gegen Argentinien ging in die entscheidende Phase, die Ostdeutschen saßen uns im Nacken, und wir brauchten gegen die Türkei einen vollen Erfolg. Aber elf grimmige Türken und 80.000 frenetische Zuschauer im Atatürk Stadion zu Izmir hielten uns 70 Minuten in Schach. Doch dann war es ausgerechnet der Feintechniker Schneckerl Prohaska, der das Runde mit spitzem Schuss ins Eckige des Halbmondes bugsierte. In heutiger Zeit hätte er sich dadurch über Nacht den Namen „Picken-Bert“ eingehandelt. Der Rest ist Geschichte. Österreich fuhr nach Argentinien, die DDR löste sich einige Zeit später auf, und auch die Türkei verschwand vorerst aus unserem Fokus.
Doch so leicht ließen sich die wackeren Männer Anatoliens nicht abschütteln. Fußballerisch lernten sie rasch dazu und bescherten uns in den dunklen ersten Jahren des neuen Jahrtausends einige bittere Niederlagen, darunter ein 0:5 in der Qualifikation für die WM 2002. Immer mehr ehemalige Fußballer der türkischen Liga zogen nach Zentraleuropa, ebenso wie immer mehr ehemalige Fans der türkischen Liga. Die politische Rechte, besorgt um den Erhalt der heimischen Sitten (Nasenbohren, Komasaufen, Stoßspiel mit doppeldeutschen Karten usw.), hätte die meisten von ihnen wohl gerne schon wiederholt mit einem Edelspitz nach Izmir zurückgekickt, womit sich leicht des „Pudels Kern“ ihrer Gesinnung erkennen lässt…

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