Wenn das Leben keinen Sinn mehr macht

Vor recht genau vier Jahren bin ich mit einem Arbeitskollegen im Organisationskomitee der Olympischen Spiele in London zusammengesessen. Das EM-Halbfinale zwischen Italien und Deutschland war längst in die Geschichtsbücher eingegangen, die legendäre Pose Mario Balotellis ebenfalls: Welcher Mann, gleich welcher Hautfarbe, möchte nicht auch so aussehen?!

Aber das war alles schon Vergangenheit. In wenigen Augenblicken sollte das Endspiel zwischen Spanien und Italien beginnen. „Stell dir vor“, sagte mir mein Freund fast feierlich, „stell dir das vor. Wir sind beide italienische Staatsbürger. Wir sind beide Inter Mailand-Fans. Sollte Italien heute Europameister werden, haben wir alles erlebt, was wir erleben können. Einen, nein: sogar zwei WM-Titel. Einen Champions League-Triumph. Sollten wir heute gewinnen – das Leben hätte keinen Sinn mehr.“

Im ersten Moment war ich sprachlos. Im zweiten verwies sich darauf, dass ich schon geboren und einige Monate alt war, als Italien 1968 kontinentaler Meister wurde („das zählt nicht, du kannst dich daran ja nicht erinnern!“). Und ab dem dritten quälte mich eine philosophische Frage: Liegt der Sinn des Lebens wirklich in Ergebnissen von Fußballspielen?!

Die Geschichte ist bekannt. Italien verlor 0:4 und das Leben ging sinnvollerweise weiter. Mario Balotelli ist in Frankreich nicht im Kader der „Azzurri“, deren Teamchef Antonio Conte wechselt nach der EM zu Chelsea London. Italien spielt am 17. Juni in Toulouse gegen Schweden, doch im Innersten meines Herzens sehne ich ein Achtelfinale Österreich gegen Italien (26. Juni, 21 Uhr, in Toulouse) herbei. Und ganz egal wer gewinnt, für den italienischen Staatsbürger aus Bozen, der in Wien heimisch geworden ist – das Leben macht auch danach sicherlich weiterhin sehr viel Sinn!

Buchautor, Journalist und Verleger Egon Theiner, 188 cm groß, derzeit 103 kg schwer (Cassoulet!) arbeitet seit Jahresbeginn in Toulouse und wird sich bis zu EM-Beginn das eine oder andere Mal zu Wort melden.

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